- Rapé ist ein traditionelles Pulver aus Wildtabak und Pflanzenasche.
- Die Rapé Wirkung reicht von körperlicher Reinigung über mentale Klarheit bis zu spiritueller Erdung.
- Anwendung erfolgt mit Kuripe oder Tepi im rituellen Kontext.
- In Europa ist Rapé meist legal, da es unter Tabakprodukte fällt.
Rapé: Amazonas-Schnupftabak zwischen Schamanentradition und moderner Wissenschaft

Rapé ist ein hochpotenter zeremonieller Schnupftabak aus dem Amazonas, der bis zu 9-mal mehr Nikotin enthält als gewöhnlicher Tabak und von mindestens zwölf indigenen Stämmen seit Jahrtausenden rituell verwendet wird. Die Mischung aus Nicotiana rustica und alkalischen Baumaschen erzeugt eine einzigartige pharmakologische Wirkung¹: Natürliche MAO-Hemmer im Tabak verstärken die Nikotineffekte erheblich. Während die wissenschaftliche Forschung zu Rapé selbst rudimentär bleibt – es existiert nur eine einzige umfassende Studie – sind seine Inhaltsstoffe gut charakterisiert. In Deutschland befindet sich Rapé in einer rechtlichen Grauzone als Tabakprodukt.
Nicotiana rustica als pharmakologisches Kraftpaket
Der Kern jedes Rapé ist Mapacho (Nicotiana rustica), auch Aztekentabak genannt – eine Tabaksorte, die sich fundamental von kommerziellem Tabak unterscheidet. Während Nicotiana tabacum 1-3% Nikotin enthält, erreicht N. rustica Konzentrationen von 4-18%, typischerweise um 9%.² Eine CDC-Studie aus 2015 analysierte 14 Rapé-Produkte und fand Gesamtnikotinwerte von 6,32 bis 47,6 mg/g ³ – ein enormes Spektrum, das die Variabilität traditioneller Rezepturen widerspiegelt. ⁴
Die eigentliche pharmakologische Innovation des Rapé liegt im pH-Wert. Kommerzielle Rapés zeigen saure pH-Werte (5,17-6,42), während handgefertigte Stammesprodukte durch alkalische Aschen Werte von 9,75-10,2 erreichen.⁵ Dieser Unterschied ist entscheidend: Bei hohem pH-Wert wandeln sich über 98% des Nikotins in die un-ionisierte, freie Base um⁶ – eine Form, die dramatisch schneller über die Nasenschleimhaut absorbiert wird.
Neben Nikotin enthält Tabak die β-Carbolin-Alkaloide Harman und Norharman, die als reversible MAO-Hemmer wirken.⁷ Harman hemmt MAO-A mit einer Inhibitionskonstante von nur 55,54 nM – eine potente Wirkung.⁸ Diese MAO-Hemmung verhindert den Abbau von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, wodurch die stimulierenden Nikotineffekte verstärkt und verlängert werden. PET-Studien zeigen, dass Raucher eine um 30-40% reduzierte MAO-Aktivität im Gehirn aufweisen.⁹
Zwölf Stämme, hunderte Rezepturen
Die Rapé-Tradition erstreckt sich über mindestens zwölf dokumentierte indigene Gruppen im brasilianischen Bundesstaat Acre und angrenzenden Gebieten Perus. ¹⁰ Die Yawanawá („Volk des Wildschweins“) am Gregorio-Fluss sind bekannt für ihre Tsunu-basierten Rezepturen und eine außergewöhnlich egalitäre Praxis, in der mittlerweile auch Frauen eigene Mischungen kreieren. Die Huni Kuin (Kaxinawá), mit etwa 11.000 Mitgliedern eine der größten Gruppen, nennen sich selbst „Wahre Menschen“ und pflegen eine Kosmologie, in der spirituelle Kraft (Yuxin) alle lebenden Phänomene durchdringt.
Besonders interessant sind die Matsés (Mayoruna), die ihren Schnupftabak nicht Rapé, sondern Nu-nu nennen. Ihre Rezeptur verwendet ausschließlich Macambo-Asche (Theobroma bicolor, ein Verwandter des Kakaos) ¹¹ und dient primär der Jagdvorbereitung – zur Schärfung der Sinne und Kommunikation mit Tiergeistern, besonders dem Jaguar.
Die Asche ist das eigentliche Geheimnis jeder Rezeptur. Tsunu (Platycyamus regnellii) gilt als erdend und klärend,¹² Murici (Byrsonima crassifolia) als reinigend, Cumaru (Dipteryx odorata, Tonkabohne) als trance-induzierend, ¹³ und Samaúma (Ceiba pentandra), die „Königin des Waldes“, als visionär und schützend. Jeder Baum bringt nicht nur unterschiedliche chemische Eigenschaften ein – die Asche bestimmt pH-Wert und Mineralgehalt – sondern auch spezifische spirituelle Qualitäten.
Der Herstellungsprozess als Gebet
Die traditionelle Rapé-Herstellung ist ein meditatives Ritual, das Tage bis Wochen dauern kann. Die Tabakblätter werden zunächst in kleine Stücke geschnitten und über niedrigem Feuer getrocknet, manchmal fermentiert. Parallel wird Baumrinde in Tontöpfen langsam zu blass-grauer Asche verbrannt – bei Temperaturen, die hoch genug für alkalische Carbonate sind, aber sanft genug, um Mineralien zu erhalten.
Das Zerkleinern aller Zutaten in großen Mörsern ist der zeitintensivste Schritt. Unter begleitenden Gesängen und Gebeten wird das Material zu einem Pulver gemahlen, das feiner als Talkum sein soll – etwa 125 Mikron. „Jeder Schritt zählt – was du singst, was du denkst, was du fühlst – es wird alles Teil der Medizin“, erklärt ein Huni-Kuin-Ältester.¹⁴ Das fertige Rapé reift anschließend in luftdichten Behältern, oft aus Knochen gefertigt.
Die Herstellung obliegt traditionell dem Pajé (Schamanen) oder erfahrenen Stammesmitgliedern. Bei den Huni Kuin tragen die wahren Schamanen den Titel Mukaya – jene, die die bittere schamanische Substanz „Muka“ in sich tragen. Ihre Ausbildung umfasst Jahre strenger Diät, Abstinenz und das Erlernen von Pflanzenwissen, Heilgesängen (Huni Meka) und Kommunikation mit Geistern.
Kuripe und Tepi: zwei Wege der Anwendung
Die Selbstanwendung erfolgt mit dem Kuripe, einem V-förmigen Rohr, das Mund und Nasenloch verbindet. Der Anwender bläst selbst eine streichholzkopf- bis erbsengroße Menge Pulver in jedes Nasenloch – niemals inhalieren, sondern mit kräftigem Ausstoß. Die traditionellere Form ist das Tepi, ein gerades Blasrohr, mit dem eine andere Person – idealerweise ein erfahrener Praktizierender – das Rapé verabreicht. Schamanen unterscheiden drei Blastechniken: „Schildkröte“ (sanft und langsam), „Kolibri“ (scharf und schnell) und „Hirsch“ (mittlere Intensität).
Die Wirkung setzt innerhalb von Sekunden ein: intensives Brennen, oft beschrieben als „Pfeil im Gehirn“, gefolgt von Tränenfluss, Niesen und Schleimproduktion. Nach 1-5 Minuten erreicht die körperliche Reaktion ihren Höhepunkt, die Hauptwirkphase mit mentaler Klarheit hält 5-15 Minuten an, subtilere Nachwirkungen können Stunden anhalten. Traditionell wird Rapé zur Entfernung von „Panema“ verwendet – ein indigener Begriff für negative Energie, Blockaden und allgemeine Malaise.
Wissenschaftliche Forschungslücke bei dokumentierten Risiken
Die wissenschaftliche Forschung zu Rapé ist bemerkenswert dünn. Es existiert nur eine einzige umfassende peer-reviewed Studie: die CDC/ANVISA-Charakterisierung von 2015. Klinische Trials zu therapeutischen Wirkungen, systematische Reviews oder Langzeitstudien fehlen vollständig¹⁵ – ein scharfer Kontrast zu Ayahuasca, das mittlerweile mehrere randomisierte kontrollierte Studien bei Depression vorweisen kann.
Was die Studie jedoch klar dokumentiert: Rapé enthält karzinogene Substanzen. Tabakspezifische Nitrosamine (TSNAs), die von der IARC als Gruppe-1-Karzinogene klassifiziert werden, fanden sich in Konzentrationen von 88 bis 24.200 ng/g. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAHs), Verbrennungsnebenprodukte der Feuerhärtung, lagen bei 16-596 ng/g. Zusätzlich enthielten einige Produkte bedenkliche Mengen an Cumarin (aus Tonkabohnen) und Kampfer.¹⁶
Die kardiovaskulären Risiken von Nikotinprodukten sind durch andere Studien belegt. Eine schwedische Untersuchung an 118.395 Männern fand ein erhöhtes Risiko für tödlichen Herzinfarkt bei Schnupftabakkonsumenten. Schwangerschaft, Stillzeit, MAO-Hemmer-Medikation, SSRIs, unkontrollierter Bluthochdruck und schwere Herzerkrankungen gelten als absolute Kontraindikationen.
Rechtliche Grauzone in Deutschland
In Deutschland wird Rapé als Tabakprodukt eingestuft und unterliegt damit dem Tabakerzeugnisgesetz, der Tabaksteuer und dem Jugendschutz. Der Besitz kleiner Mengen für den Eigenverbrauch ist generell unproblematisch, während Import ohne deutsche Steuerbanderole, Versandhandel und kommerzielle Aktivitäten rechtlich problematisch sind. Die spezifische Situation von Rapé – ein traditionelles Produkt ohne Marktpräsenz in Europa – ist nicht explizit geregelt, was de facto eine Grauzone schafft.
International zeigt sich ein ähnliches Bild: Die EU-Tabakproduktrichtlinie erfasst Rapé nicht explizit, in den Niederlanden ist es in Smartshops erhältlich, in der Schweiz als Schnupftabak legal. In Brasilien ist die traditionelle indigene Nutzung vollständig legal, während die Kommerzialisierung durch Nicht-Indigene zum Schutz vor Biopiraterie eingeschränkt ist.
Abgrenzung zu verwandten Amazonas-Substanzen
Rapé unterscheidet sich fundamental von europäischem Schnupftabak: höherer Nikotingehalt, alkalischer pH-Wert, ritueller statt hedonistischer Verwendungszweck. Von Ayahuasca trennt es die fehlende psychedelische Wirkung – Rapé ist stimulierend und klärend, aber kein Halluzinogen. Beide Substanzen teilen jedoch β-Carbolin-MAO-Hemmer und werden traditionell komplementär verwendet: Rapé zur Vorbereitung und Erdung vor Ayahuasca-Zeremonien.
Kambo (Froschsekret) und Sananga (Augentropfen) sind keine Tabakprodukte und wirken über völlig andere Mechanismen – Peptide bzw. lokale Augenreizung. Im Gegensatz zu Kambo, für das mehrere Todesfälle dokumentiert sind, gibt es für Rapé keine vergleichbare Fallserie – was jedoch auch an der dünneren Forschungslage liegen kann.
Fazit: Tradition trifft auf Forschungsvakuum
Rapé verkörpert eine Jahrtausende alte Tradition, die erst jetzt wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhält – wobei diese Aufmerksamkeit bisher fast ausschließlich toxikologischer Natur ist. Die pharmakologische Kombination aus hochdosiertem Nikotin, alkalischer Asche zur Absorptionssteigerung und natürlichen MAO-Hemmern ist wissenschaftlich plausibel und erklärt die berichteten intensiven Effekte.
Wer Rapé verwendet, sollte drei Kernpunkte beachten: Das Suchtpotenzial ist real und durch den hohen Nikotingehalt möglicherweise höher als bei normalem Tabak. Die enthaltenen Karzinogene sind nachgewiesen,¹⁷ nih wenn auch Langzeitdaten zur Krebsinzidenz bei Rapé-Nutzern fehlen. Und Wechselwirkungen mit MAO-Hemmern, SSRIs und anderen Medikamenten können gefährlich sein – besonders relevant für Menschen, die Rapé im Kontext von Ayahuasca-Retreats entdecken, wo MAO-Hemmer ebenfalls eine Rolle spielen.
Quellenverzeichnis
- [1] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [2] Current advances of functional phytochemicals in plant and related potential value of tobacco processing waste: A review
- [3] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [4] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [5] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [6] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [7] Human monoamine oxidase is inhibited by tobacco smoke: beta-carboline alkaloids act as potent and reversible inhibitors
- [8] Human monoamine oxidase is inhibited by tobacco smoke: beta-carboline alkaloids act as potent and reversible inhibitors
- [9] Monoamine oxidase inhibitory activity in tobacco particulate matter: Are harman and norharman the only physiologically relevant inhibitors?
- [10] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [11] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [12] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [13] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [14] Queen of the Forest Naturals
- [15] https://pharmatropia.com/rape-hape-therapeutic-potential/
- [16] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents
- [17] Comprehensive Chemical Characterization of Rapé Tobacco Products: Nicotine, Un-ionized Nicotine, Tobacco-specific N’-Nitrosamines, Polycyclic Aromatic Hydrocarbons, and Flavor Constituents









